MYTHOS #1: „Elternzeit? Das wars mit der Karriere.“

Viele Väter haben ein mulmiges Gefühl dabei, ihrem Chef zu sagen, dass sie Elternzeit nehmen wollen. Und das kommt nicht von ungefähr, obwohl dazu weder die Zustimmung des Arbeitgebers erforderlich ist, noch der Arbeitnehmer gekündigt werden darf, weil er Elternzeit nimmt. Grund sind vielmehr die negativen Erfahrungen von Vätern, die Elternzeit genommen haben. Konkret sind es die Geschichten von Vätern, die nach der Elternzeit gemobbt wurden, deren Kollegen auf Anweisung des Chefs nicht mehr mit ihnen reden durften oder die nach ihrer Rückkehr einen Arbeitsplatz ohne Infrastruktur vorfanden. Und natürlich die Geschichten von Vätern, die nach ihrer Elternzeit erst gar nicht mehr zurückkommen sind und über die der Flurfunk sagt, sie seien gekündigt worden und vor Gericht werde gerade über die Abfindung verhandelt.

Arbeitgeber, hört auf euch zu fürchten!
Es käme wohl kein Karriereberater auf die Idee zu sagen: „Ein Jahr ins Ausland? Das wird deiner Karriere schaden.“ Oder: „Ein halbes Jahr Freiwilligenarbeit? Dann kriegst du beruflich keinen Fuß mehr auf den Boden.“ Und selbst eine Weltreise hat gefühlt ein geringeres Karriereknick-Potential als Elternzeit.

Woran liegt das? Wieso wird die im Alltag eines Vollzeitvaters gelernte Sozialkompetenz von vielen Arbeitgebern weniger wertgeschätzt als interkulturelle Kompetenz? Schwer zu verstehen, insbesondere vor dem Hintergrund, dass Empathie, die Übernahme von Verantwortung, Entscheidungs- und Organisationsfähigkeit, eine gute Beobachtungsgabe und perfekte Zeitplanung Soft-Skills sind, die erfolgreiche Führungskräfte auszeichnen.

Aus Unternehmenssicht ist Elternzeit also ökonomisch sinnvoll und zwar unabhängig vom demografischen Wandel und Fachkräftemangel. Die Auszeit vom Beruf sollten Arbeitgeber als Weiterbildungsmaßnahme betrachten und entsprechend unterstützen. So sagt der frühere Corporate Talent Manager der Deutsche Telekom AG Torsten Bittlingmaier: „Wenn man es mittelfristig und nachhaltig betrachtet, profitieren Unternehmen immens vom Trend der neuen Väter. Beispielsweise kommen viele männliche Mitarbeiter mit einer hohen sozialen Kompetenz aus der Elternzeit wieder, die wir ihnen so nicht hätten antrainieren können.“ Und Dr. Heike Kroll, Fachanwältin für Arbeitsrecht und Geschäftsführerin des Bundesverbandes Die Führungskräfte ergänzt: „Immer mehr Männer trauen sich inzwischen, Elternzeit zu nehmen. Einige Unternehmen bewerten solche Familienzeiten bereits als einen Baustein in der Karriere.“

Anstatt Vätern Knüppel zwischen die Beine zu werfen, sollten Arbeitgeber ihnen zurufen „Nehmt mehr Elternzeit!“.

„Ich verneige mich“
Bis es soweit ist, wird es sicher noch etwas dauern. Aber es gibt erste Lichtblicke. So will das Unternehmen Bosch „familiäre Verpflichtungen genauso wertschätzen wie das berufliche Engagement“. Und die Facebook-Recruiterin Ambra Benjamin sagt: „Du hast eine dreijährige Auszeit genommen, um deine Kinder zu erziehen? Ich verneige mich.“

Auch eine repräsentative forsa-Umfrage unter Fach- und Führungskräften im Auftrag der Karriereplattform XING widerlegt den Mythos vom Karriereknick durch Elternzeit. Demnach glauben nur 7 % der Erwerbstätigen in Deutschland, dass Männer einen Karriereknick befürchten müssen, wenn sie Elternzeit nehmen. Auch eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung kommt zu dem Schluss, dass langfristige berufliche Nachteile für Elterngeldväter nicht nachweisbar sind.

Bildquelle: Flickr, re:publica (https://www.flickr.com/photos/re-publica/7157357788/in/photostream/)

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Olaf ist Initiator von Spielplatzfreunde.com. Er ist Vater eines Kindes, PR-Berater bei fischerAppelt und macht aktuell 9 Monate Elternzeit.

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