Leander Scholz ist Schriftsteller und Kulturphilosoph. Er arbeitet am Internationalen Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie der Bauhaus-Universität Weimar. Zur Betreuung seines Sohnes hat er gerade eine anderthalbjährige Elternzeit gemacht. Wir sprechen mit ihm über Ängste von Vätern, Elternzeit als Form der Weiterbildung und seine Forderung nach einer Familienpolitik, die sich an Kindern ausrichtet.

spielplatzfreunde.com: Sie haben anderthalbjahre Elternzeit gemacht. Die meisten Väter nehmen dagegen – wenn überhaupt – nur die beiden Partnermonate in Anspruch. Woran liegt das?

Leander Scholz: „Viele Väter befürchten, dass ihre Entscheidung für eine längere Elternzeit als Entscheidung gegen ihren Arbeitgeber betrachtet wird. Und dass man ihnen nicht genügend Karrierewillen unterstellt. Dies wird sich erst ändern, wenn es normal ist, dass auch Väter länger Elternzeit machen. Dazu kommt, dass man aus dem beruflichen Kontext natürlich erst einmal raus ist, wenn man eine längere Elternzeit macht. Das heißt, man ist nicht mehr in Projekte eingebunden, Netzwerke verändern sich, und irgendwann wird man auch vergessen. Beruflich wird Elternzeit noch immer als Stehenbleiben bewertet. Viele Väter haben deshalb die nachvollziehbare Angst, dass sie aus der Elternzeit zurückkommen und die Kollegen beruflich viel weiter sind. Würde man die Elternzeit allerdings anders bewerten, wäre diese Angst weg.“

Zum Beispiel als Form der Weiterbildung?

„Ganz genau! Es ist natürlich Unsinn, wenn Arbeitgeber behaupten, man verliere Wissen. Das Gegenteil ist der Fall. Wer lange Elternzeit macht und sich intensiv darauf einlässt, wird extrem viel lernen. Ich bin im persönlichen Bereich noch nie so sehr zum Lernen gezwungen worden wie während meiner Elternzeit. Und zwar deshalb, weil sich die Kleinen in dem Alter so schnell verändern, dass das Gelernte schon nach wenigen Wochen wieder veraltet ist. Man muss über sich hinausdenken und lernen, die Bedürfnisse und Perspektiven des Kindes in seine eigenen zu integrieren. Auch sind die Stresssituationen zum Teil heftiger als im beruflichen Leben. Daraus kann man eine gewisse Gelassenheit ziehen. Und wenn man sich um jemanden kümmert, der so sehr von einem abhängig ist, zwingt dies zudem zu einer guten Selbstorganisation, weil die Zeit für einen selbst deutlich knapper wird. Diese Fähigkeiten kann man auch im Arbeitsleben nutzen. Umso erstaunlicher ist, dass Elternzeit von vielen Arbeitgebern immer noch als Auszeit gesehen wird – eine erniedrigende Vokabel, denn Auszeit klingt nach Ferien machen.“

Taugt Elternzeit nicht zum Heldentum?

„Die Familienarbeit ist eine Form von Arbeit, die sehr anstrengend und auch nervig ist, weil Erfolge schwer bennenbar sind. Man kann schließlich schlecht sagen, ich habe heute die Wäsche gemacht, und das ist ein großer Erfolg. Außerdem sind Fortschritte nur langsam erkennbar, und vieles wiederholt sich. Das macht die Anerkennung schwierig. Subjektiv betrachtet, ist die Familienarbeit keine heroische Tätigkeit. Vielmehr ist man froh, wenn es dem Kind gut geht und der Tag katastrophenfrei war. Berufliche Tätigkeiten sind dagegen erzähl- und dramatisierbar. Zudem ist es leichter, sich beruflich anzustrengen, weil es anders vergütet wird. Und zwar nicht nur finanziell, sondern durch Anerkennung und vor allem Selbstschätzung. Die Momente des positiven Erlebens sind im Beruf also ganz anders gebaut, weil man sich Erfolge selbst zurechnen kann.“

Sie fordern, dass wir endlich zulassen müssen, dass Kinder unsere Welt verändern. Warum sollten wir das tun?

„Unsere Welt wird sehr stark geprägt durch eine Vorstellung vom Menschen, der sich in erster Linie über den Beruf definiert. Das ist die stärkste Ausrichtung für unsere Lebensziele und Lebensläufe, die wir einteilen in Ausbildung, Berufseintritt und Rente. Hinzu kam in den vergangenen Jahren das Trainieren der Menschen, sich selbst im beruflichen Marktumfeld zu platzieren. Das prägt unsere Gesellschaft massiv. Das Problem ist, dass in diesem Weltbild weder Kinder, noch alte oder kranke Menschen vorkommen. Und in dem Moment, in dem beide Eltern voll berufstätig sind, werden Kinder zu Störfaktoren. Das halte ich für einen Verlust von menschlichen Emotionen und Erfahrungen. Ich bin mir sicher, wirtschaftliche, architektonische oder auch verkehrsplanerische Entscheidungen würden anders getroffen, wenn die Verantwortlichen eigene Erfahrungen mit Kindern, alten oder pflegebedüftigen Menschen verinnerlicht hätten.“

Würden wir dann in einem innovativeren Land leben?

„Ich bin wirklich verblüfft, wie häufig Dinge nicht gut durchdacht sind. Das betrifft nicht nur große Projekte, sondern auch die Handhabung von Gegenständen oder auch Internetanwendungen. Wenn jemand die Fähigkeit hat, aufgrund intensiver Erfahrungen mit Kindern mehr als nur eine Denkweise zu realisieren, führt dies zu einer Bandbreite von Löungsstrategien, die deutlich umfangreicher und effektiver sind. Wenn ich bedenke, wie leicht es Kindern fällt, intuitiv mit Dingen umzugehen, wundert es mich, dass sie von wirtschaftlicher Seite nur als Konsumenten, nicht jedoch als Ideengeber gesehen werden.“

Sie kritisieren, dass die familienpolitische Diskussion auf die Frage der Kinderbetreuung verengt ist. Wo ist das Problem?

„Die Familienpolitik der letzten zehn Jahre hatte zum Ziel, die Erwerbstätigkeit der Eltern zu fördern. Sie war keine Politik, die auf die Kinder ausgerichtet war. Man hat schließlich nicht gesagt, wir bauen die Kitas aus, damit Kinder möglichst frühzeitig tolle Lernangebote haben, sondern damit das Arbeitsleben der Eltern so weitergehen kann wie vorher. Das heißt, Familienpolitik wird sehr stark unter arbeitsmarkt- und wirtschaftpolitischen Gesichtspunkten austariert. Das halte ich für den falschen Fokus. Ich glaube, Familienpolitik müsste erst einmal zur Kenntnis nehmen, dass Eltern nicht einfach Arbeitnehmer plus Kinder sind. Sondern eine eigene Kategorie. Der familienpolitische Ansatz sollte daher lauten: Kinder sind eine Bereicherung, auch in beruflicher Hinsicht. Dazu brauchen wir jedoch eine andere Verzahnung von Arbeits- und Lebenswelt. Nötig ist nicht nur eine Entlastung von Familien in zeitlicher und finanzieller Hinsicht, sondern es muss im Arbeitsleben eine größere Rolle spielen, dass wir Väter und Mütter sind.“

Bildquelle: Internationales Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie

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